Welche Bedeutung haben Erinnerungen?

Das YAY Interview mit Erinnerungsforscher Prof. Gerald Hüther

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01.06.2021 · Blog von YAY
  • Sind Erinnerungen aus Sicht eines Neurobiologen etwas Wertvolles?
  • Was wäre der Mensch ohne seine Erinnerungen?
  • Kann man das Erinnerungsvermögen von Kleinkindern unterstützen?

In meinem Blogartikel „Wie Kinder erinnern“ habe ich dargelegt, was das kindliche Gehirn wann erinnern kann, warum frühkindliche Erinnerungen wieder verschwinden und auch, unter welchen Voraussetzungen Erinnerungen prägen.

In Ergänzung dazu habe ich ein Interview mit dem Gehirnforscher Prof. Gerald Hüther geführt. Er hat eine Vielzahl an Büchern zum Thema frühkindliches Erinnerungsvermögen veröffentlicht und setzt sich seit vielen Jahren für kindgerechtes Lernen ein. Ich habe ihm die drei oben genannten Fragen gestellt, da sie mir im Nachgang meiner Recherche unter den Nägeln brannten. Hier liest du seine Antworten.

Lieber Herr Prof. Hüther, halten Sie Erinnerungen für etwas Wertvolles?

Prof. Hüther:

Natürlich ist es wichtig, dass wir uns an etwas erinnern können, das wir erlebt haben und das für unser weiteres Leben Bedeutung besitzt.

Erinnerungen sind Orientierungshilfen für künftige Entscheidungen und gleichzeitig auch Teil des eigenen Fundaments, von dem aus wir unser Leben gestalten.

Sie sind entscheidende Stabilisatoren für das, was wir bis zu einem bestimmten Zeitpunkt unseres Lebens bereits an inneren Einstellungen und Überzeugungen, an Selbstbildern, Identitäten und Weltbildern entwickelt haben. Um das aufbauen und aufrechterhalten zu können, brauchen wir die Fähigkeit des Erinnerns, also unser Langzeitgedächtnis, wie das die Hirnforscher nennen. Unser Erinnerungsvermögen ist also wichtig.

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Aber nicht alles, woran wir uns erinnern können, ist auch hilfreich für unsere Lebensgestaltung.

Manches erweist sich später auch als sehr hinderlich. Erinnerungen an Vernachlässigung zum Beispiel oder an Übergriffe und Bevormundungen und was es da noch alles für Erfahrungen elterliche Inkompetenz geben mag. Womöglich sogar Missbrauchserfahrungen und traumatische Erlebnisse.

Sicher ist es für das Überleben wichtig, dass so etwas im Hirn abgespeichert wird. Aber weil Kleinkinder daraus noch keine Lösungen ableiten können, um solche Erfahrungen künftig zu vermeiden, ist es sehr vorteilhaft, dass ihr Erinnerungsvermögen auf der kognitiven Ebene erst dann soweit entwickelt ist, bis sie mit dem, was sie bisweilen erleben und erdulden müssen auch etwas anfangen können.

Vorher bleiben die Erfahrungen in den tieferen, emotionalen und regulatorischen Bereichen des Gehirns und oft auch im Körper verankert. Die sind dann später kognitiv nicht mehr beeinflussbar, nur noch durch das, was die Therapeuten „Körperarbeit zur Auflösung von im Körper gespeicherten Erinnerungen“ nennen.

Was wäre der Mensch ohne seine Erinnerungen?

Prof. Hüther:

Dann wäre er [trotzdem] ein Mensch, weil andere, die über Erinnerungen und Vorstellungsvermögen verfügen, ihm als solchen betrachten und ihm so begegnen.

Aber er selbst wüsste nicht, wer er ist. Jedenfalls nicht auf einer kognitiven Ebene. Er wäre aber auch kein Automat, also so etwas wie unsere heutigen digitalen Geräte. Die können sich zwar viel mehr merken als wir, aber sie können das, was sie erleben nicht auf sich selbst beziehen, weil sie keine Gefühle und keinen Körper haben.

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Kann man das Erinnerungsvermögen von Kleinkindern unterstützen?

Prof. Hüther:
Wozu sollte das gut sein? Es scheint ja sehr vorteilhaft zu sein, wenn man sich nicht an etwas erinnern kann, was schrecklich war und woran man (vor allem noch als Kleinkind) überhaupt nichts ändern kann.

Erinnerungen bleiben um so tiefer und nachhaltiger im Gehirn verankert, je größer die Störung war, die ein Erlebnis im Gehirn ausgelöst hat.

Erfahrungen großer Freude und großen Leids bleiben besser im Hirn hängen, als alles, was weniger tiefer geht, weil es eher alltäglich ist.

Und wenn ein Kind etwas subjektiv sehr Bedeutsames erlebt hat, wird das mit den dabei aufgetretenen Gefühlen und auch Körperreaktionen verkoppelt. Das sitzt dann richtig fest. Die Fähigkeit, es dann auch sprachlich auszudrücken und einzuordnen ist nicht wichtig für die Erinnerung, sondern für die Bewältigung dieser Erfahrung und deren Nutzung für die weitere eigene Lebensgestaltung.

Imme Scheit:
In meinem Leben spielt die Auseinandersetzung mit Erinnerungen eine besondere Bedeutung. Ich möchte, dass meine Kinder sich an all die wunderbaren Momente erinnern, die wir gemeinsam erleben.

Heute sind sie noch klein und erinnern sich an sehr Vieles, das gestern oder sogar vor zwei Jahren geschehen ist. Da die Erinnerungen im Laufe der Jahre verblassen werden, dokumentiere ich unsere Ereignisse mit Fotos, Videos und Erinnerungstexten. Es ist der Schatz, den ich meinen Kindern eines Tages überreichen werde und mein Antrieb, warum ich YAY gegründet habe.

DANKE
An Prof. Gerald Hüther für dieses Interview!

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